"Phönix" kritisiert die Diskussion um die Pflegeversicherung Regensburg. (rk)
Die Entwürfe der Parteien zur "Pflegever(un)sicherung" waren gestern abend Thema im Evangelischen Bildungswerk im Alumneum in Regensburg. Das Selbsthilfeprojekt "Phönix" für Behinderte hatte den behinderten Juristen Armin Fillinger eingeladen, die Vorstellung der Parteien etwas unter die Lupe zu nehmen. Er glaubt: "Die Pflegeversicherung hat die Behinderten vergessen. Wir landen alle im Heim."
Ungefähr 17000 Menschen haben in Regenburg einen Schwerbehindertenausweis. Viele beantragen gar keinen Ausweis, deswegen liegt nach Ansicht von Fillinger die Zahl der Behinderten wesentlich höher. Mit diesen Zahlen steht Regensburg an der Spitze von ganz Bayern. Ungefähr 1000 Menschen sind in Regensburg an den Rollstuhl gefesselt. Viele dieser Menschen seien auf dauernde Hilfe angewiesen, so Fillinger, um ihr tägliches Leben zu meistern. Behinderte wollten aber auch arbeiten. Viele hätten eine gute Ausbildung hinter sich und könnten wie Petra Bernstein, 24 Jahre alt, Diplom-Psychologin, in ihrem Beruf arbeiten. Sie brauche aber für ihre Arbeit mit kranken Menschen täglich jemanden, der sie dabei unterstütze.
Bernstein: "Ich habe so viel Geld und Energie in meine Ausbildung gesteckt, das kann man doch nicht so einfach wegwerfen. Ich will und kann arbeiten". Für Petra Bernstein wäre das Leben nicht mehr lebenswert, wenn sie in einem Heim leben müsste, weil es vielleicht etwas billiger sei als die jetzige Pflege. "Was soll ich denn den ganzen Tag machen? Soll ich warten, bis mir jemand das Kopfteil meines Bettes herunterstellt, damit ich schlafen kann?" fragte sie. So wie ihr ginge es vielen anwesenden Rollstuhlfahrern.
Nach Ansicht der SPD sollen erheblich Pflegebedürftige 500 Mark Pflegegeld für die häusliche Pflege bekommen. Bei Schwerstpflegebedürftigen könnten nach der Vorstellung der SPD maximal 60 Stunden Pflege im Monat bezahlt werden. Ebenso soll der Paragraph 68 aus dem Bundessozialhilfegesetz wegfallen, der bis jetzt einen wesentlichen Zuschuß zur häuslichen Pflege leistete. Mit den verbleibenden 500 und 1500 Mark könnte man sich keine häusliche Hilfe mehr leisten und müsse im Pflegeheim untergebracht werden.
"Es wird nur darüber diskutiert, wie man am kostensparendsten die Pflegeversicherung einführen kann; was es dann für tausende Behinderte für Folgen hätte, darüber spricht keiner", sagte Armin Fillinger. Auch er ist behindert und er ist während der Arbeit als Jurist auf ständige Hilfe im Rollstuhl angewiesen. Für ihn und andere sogenannte "Altfälle", die schon lange behindert sind, würde die Krankenkasse 400 bis 750 Mark zahlen. "Wir landen dann alle im Pflegeheim", so Armin Fillinger. Die Pflegeversicherung, wie sie bis jetzt geplant ist, könne nur eine Alterversicherung sein, die Behinderten seien darin vergessen worden.
Donaupost 15.05.92