Ich komme aus der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung und arbeite in Erlangen. Das heutige Thema "Behinderung, Liebe und Sexualität" ist einerseits eine Art von Tabu, auch unter uns selbst, andererseits aber sehr von der Neugier nichtbehinderter Wissenschaftlerlnnen und TherapeutInnen besetzt die viele Bücher über uns geschrieben haben, über das, was wir dürfen, und vor allen Dingen über das, was wir nicht dürfen. Was bedeutet Liebe für mich? Das Thema "Behinderte Liebe" bedeutet für mich auch viel verhinderte Liebe. Liebe hat für mich viel mit Sehnsucht danach, geliebt zu werden, mit Sehnen nach Vertrautheit Sehnen nach Vertrauen, Zärtlichkeit Glück, auch mit sexueller Erfüllung, Zusammensein, Zusammenleben mit der geliebten Person zu tun. Da sind viele Idealvorstellungen dabei: Wünsche, Träume und sehr viel Angst, Leid, heimliches Leiden und Entsagungen. Ich möchte ein Zitat von englischen Frauen bringen: "Wir sind Frauen. Wir teilen mit allen Frauen das Bedürfnis nach Liebe, Freundschaft, sexueller Intimität." Behinderte Frauen können liebevolle Beziehungen zu Männern und Frauen haben wie alle anderen Frauen auch. Auf dem Gebiet der Sexualität jedoch wird behinderten Frauen die Akzeptanz verwehrt, wegen des Klischees, welches Behinderung mit Geschlechtslosigkeit gleichsetzt. Schwarze Frauen sprechen z. B. auch davon, dass sie sich geschlechtslos fühlen durch die Kultur, verglichen mit der dominanten Gruppe der weißen Frauen. Vielleicht liegt es auch an diesem Entwertetsein, dass wir Frauen, die wir anders sind, als nicht wirklich weiblich angesehen werden. Andere Thesen, die die Wahrnehmung von Behinderung und Sexualität betreffen, beinhalten die Vorstellung, dass Behinderung ansteckend sein könnte und dass Sex irgendwie eine seltene Annehmlichkeit sei, die nur sehr geschätzten Leuten vorbehalten ist, nämlich dem attraktiven Nicht-behinderten. Unsere Normalität ist eine andere als die der Nicht-behinderten. Für mich ist es z. B. nichts besonderes, daß ich mich rollend fortbewege. Und ich habe mein Leben dementsprechend organisiert. Aber von außen wird das für mich Selbstverständliche nicht erkannt. Da bin ich besonders tapfer, und es ist schön, dass ich noch so fröhlich bin, obwohl ich doch so ein schweres Schicksal habe.
Schon unsere Sozialisation ist eine andere. Wir wurden entweder dazu erzogen, besonders klug zu sein und eine Ausbildung zu machen, um unabhängig zu werden, weil ja mit einer Unterstützung durch einen Ehemann nicht gerechnet werden kann. Oder aber wir wurden dazu erzogen, besonders rücksichtsvoll, bescheiden und dankbar zu sein, in dem Bewusstsein, niemals unabhängig sein zu können. Viele unserer Mütter trichterten uns ein, daß Männer später einmal nichts für uns seien und wir uns diese Gedanken aus dem Kopf schlagen sollten. Wir wurden also nicht wie andere Mädchen erzogen, dass wir später irgendwann einmal heiraten und Kinder kriegen würden. Wir bekamen meist auch keine Aussteuer wie die anderen. Dieser Einfluß ist so stark, dass wir zum Teil selber daran glauben, dass sexuelle Beziehungen oder gar eine Ehe für uns nicht in Frage kommen. Wir werden geschlechtsneutral erzogen. Wir erleben uns dann selbst so und werden auch als Neutrum von anderen behandelt. Über mich z. B. wird gesagt: 'Da hinten steht noch ein Rollstuhl. Da muss beim Aussteigen geholfen werden.' (Amtssprache der Deutschen Bundesbahn). Genauso ist es selbstverständlich, dass uns auf der Straße niemand bewundernd hinterherpfeift. Jetzt ein Zitat von Nati Radtke, meiner Schwester. Grundsätzlich wird zwischen einer nichtbehinderten und einer behinderten Frau unterschieden. Zur einen wird gesagt: 'Falls Du Dich herausputzt dann liegt Dir die Welt die ganze Welt zu Füßen', und zur anderen: 'Falls Du Dich nett herrichtest, dann findest Du auch ein Plätzchen in der Welt.' So sagte mir meine Tante, als ich 18 Jahre alt war: 'Vielleicht findest Du ja noch einen netten geistig behinderten Mann.' Gemäß dem überkommenen Klischee sind Frauen hilflose Kreaturen, die liebevoll behandelt und beschützt werden müssen. Die behinderte Frau wird oft jedoch nur als hilflos betrachtet. Ein Mann könnte befürchten, daß sie so entsetzlich abhängig von ihm sein wird, dass ihm die Aussicht auf eine Beziehung zu ihr absolut abschreckend vorkommt. Um ihm das Gegenteil zu beweisen, kann sie sich bemühen, seIbstständig und unabhängig zu sein, um dann von ihm zu hören, daß sie aggressiv und unweiblich ist. Solange die Frau aber ein Statussymbol für den Mann, der 'besitzt', ist, der lebende Beweis seiner Beute, ist die Frau mit einer Behinderung stark benachteiligt. Der Mann, der nicht ganz selbstsicher ist, hat Angst, sie stolz herzuzeigen, weil sie andersartig ist. Selbst wenn eine behinderte Frau eine gute Beziehung zu einem Mann hat, fragt sie sich doch manchmal selbst: Warum will er mich? Oder: Stimmt irgendwas mit ihm nicht? Außerdem wurden wir dazu erzogen, immer unsere körperlichen Defizite so weit wie möglich zu verbergen. Dazu meint die Therapeutin Katja Seebaum: 'Die körperbehinderten Mädchen haben auch die Möglichkeit, genau wie gesunde Mädchen, mit Hilfe der Kosmetik ihr Gesicht zu verschönern. Sie können z.B. ihre Augen, das wohl eindrucksvollste jeden Gesichtes betonen und damit ablenken von ihrer Körperbehinderung. Bei einer evtl. vorhandenen Lähmung des Gesichtsnervs können sie mit Hilfe einer geschickten Frisur und eines hübschen Make-Ups diese Unebenmäßigkeit verdecken oder davon ablenken.' Diese Ratschläge werden erteilt nicht etwa, damit wir noch verführerischer wirken, sondern wie immer, um Defizite und Mängel zu verbergen. Doch das Wissen um die Mängel bleibt. Die Anwendung von Kosmetik scheint fragwürdig. Durch das Verstecken unserer 'unschönen Körperteile wurde uns die Verleugnung ganzer Körperteile und unserer Weiblichkeit eingeflößt. Susanne Schwebe: 'Ein entstellter Körper wird als unästhetisch empfunden. Je mehr eine körperliche Abweichung dem Gesicht zurückt, umso eher wird eine Person als "unschön" bezeichnet.' Dass das Ästhetikempfinden gegenüber Menschen nicht einfach ein Wissen um das Schöne an sich ist, sondern dass dahinter auch Sexualphantasien und Ängste vor Körperverletzungen und Vergänglichkeit stehen, trifft behinderte Frauen im besonderen Maße. Denn stärker als Männer werden sie nicht zuletzt dank der Massenmedien durch Schönheitsideale und sexuelle Verfügbarkeit definiert. Immer noch werden Frauen vor allem an Kriterien der Gebärfähigkeit, Mütterlichkeit, Schönheit, Agilität und Attraktivität bemessen. Darunter leiden behinderte Frauen natürlich in besonderem Maße. Genügen sie doch selten all diesen Kriterien.
Meines Erachtens nach liegen heute die Schwierigkeiten behinderter Frauen weniger darin, daß ihnen Sexualität nicht zugestanden würde oder dass sie sich ihrer eigenen sexuellen Bedürfnisse nicht bewusst wären, sondern viel eher darin, angesichts herrschender Normen und Idealvorstellungen diese nicht realisieren zu können. Es dauert lange, um ein gespaltenes Körperbewusstsein zu überwinden und den Körper als Ganzheit zu begreifen. Es kommt ein Zitat aus 'Trotz allem": "Es gibt zwar gute Gründe, sich eine Zeitlang zerstückelt zu fühlen und sich von seinem Körper abzutrennen. Aber der Schnitt muß wieder heilen. Es ist wichtig, die Entfremdung vom eigenen Körper zu überwinden und zu einem Gefühl der Einheit zu finden. Statt sich selbst zu hassen und seinen Körper abzulehnen, müssen wir lernen, uns zu lieben und unseren Körper anzunehmen.' Wenn behinderte Frauen schwanger werden und ein Kind austragen wollen, ist dies kein freudiges Ereignis wie bei einer Nichtbehinderten, sondern es kommen Kommentare wie z.B.: 'Wie konnte denn das passieren? Wer soll das Kind denn versorgen? Du brauchst doch selber Hilfe. Jetzt kommt ein Zitat von Swahtje Köpsell: 'Auch die mit der Schwangerschaft einer behinderten Frau konfrontierten Ärzte reagieren im Normalfall ablehnend. Schwangerschaftsabbruch und Sterilisation werden Frauen mit Behinderung geradezu angedient, sind auf jeden Fall problemlos zu bekommen. Auch hier zählt nicht die Entscheidung der Frau als eigenständige Person, sondern das, was andere über sie und ihre Möglichkeiten bzw. Potentiale denken. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt hierbei auch ein tief verwurzeltes eugenisches Denken. Es wird davon ausgegangen, daß Frauen, die selbst eine Behinderung haben, im besonderen Maße gefährdet sind, behinderte Kinder zu gebären. Und das muß mit allen Mitteln verhindert werden. Aus diesem Verhinderungswunsch und der Nichtbeachtung ihrer eigenen Wünsche entspringt für Frauen mit Behinderung, insbesondere mit geistiger Behinderung, auch die Gefahr, gar nicht gefragt zu werden, sondern gegen ihren Willen bzw. ohne ihr Wissen und ihre Zustimmung (zwangs)sterilisiert zu werden. Was uns fehlt, sind gezielte Beratungs- und Unterstützungsangebote für behinderte Mütter bzw. Eltern.'
Das Thema 'Frauen mit Behinderungen und Sexualität ist sehr zwiespältig für mich. Denn einerseits werden wir als geschlechtslos behandelt. Andererseits sind wir häufig Opfer von Gewalt, auch sexueller Gewalt. Wir haben oft keine Intimsphäre durch das Angewiesensein auf körperliche Hilfestellungen im alltäglichen Leben, auch in intimen Bereichen, z. B. beim Essen, Telefonieren, beim Baden, An- und Auskleiden, beim Toilettengang. Oder etwas ganz Alltägliches: der Gang zum Arzt, das Bloßstellen des eigenen Körpers, der oft unnötig demütigend lange fotografiert wird. Oder beim Gang zum Orthopädiemechaniker, der sich Abdrücke macht, die er für das Hilfsmittel, das er bauen soll, gar nicht braucht. Geschlechtsteile werden angefaßt. Aber es wird so getan, als seien sie keine Genitalien, denn wir haben ja keine Sexualität. Trotz vieler Öffentlichkeitsarbeit von Frauengruppen über sexuelle Gewalt scheint der Gedanke so schockierend zu sein, daß behinderte Mädchen und Frauen auch sexuelle Gewalt erfahren, daß es immer noch ein Tabu darstellt, darüber zu reden. Für den deutschsprachigen Raum liegen keinerlei Untersuchungen und Statistiken über das Ausmaß sexueller Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen vor. Doch amerikanische Studien beweisen, daß es sich hier um eine weit verbreitete Realität handelt. Theresia Degener sagt in "Gerichte sind männlich:" 'Bei gehörlosen und geistig behinderten Frauen ist die Betroffenheitsquote erschreckend hoch. Dennoch gibt es nur wenig Prozesse, in denen die Vergewaltigung einer behinderten Frau behandelt wird. Ein Grund dafür muß in der faktischen Unzugänglichkeit der Polizei oder auch der Notrufgruppen für behinderte Frauen gesehen werden. Viele werden in Sondereinrichtungen oder in Heimen vergewaltigt, in denen die alltägliche Kontrolle total ist. Zu den üblichen frauenfeindlichen Vorurteilen gesellen sich insbesondere folgende Behindertenklischees: Behinderte Frauen haben keine Sexualität, sexuelle Selbstbestimmung ist deshalb gar nicht möglich. Behinderte Frauen, insbesondere geistig behinderte Frauen, haben eine animalische Sexualität. Ihr Sexualverhalten ist unkontrolliert. Sie schmeißen sich jedem Mann an die Brust. Vergewaltigung ist bei behinderten Frauen nicht möglich, denn sie würden niemals nein sagen. Für sie interessiert sich sowieso keiner. Sexuelle Gewalt gegen behinderte Frauen ist nicht so schlimm. Viele Menschen glauben, auch wir selbst, daß behinderte Frauen von sexueller Gewalt nicht betroffen sind. Es wird geglaubt, daß wir wegen unserer Behinderung in unserer Umgebung Mitleid erregen und deshalb vor Verletzungen geschützt sind, oder daß die Täter Frauen mit Behinderungen als unattraktiv betrachten und deswegen Übergriffe unterbleiben nach dem Motto, daß nur attraktive Frauen vergewaltigt werden. Vor 15 Jahren wagten sich behinderte Frauen zum ersten Mal als Gruppe an die Öffentlichkeit.' Auf dem Krüppeltribunal in Dortmund wiesen sie neben anderen auf Menschenrechtsverletzungen hin, die an ihnen als behinderte Frauen begangen wurden und werden. Sie berichteten über Vergewaltigungen und demütigende Behandlungen. Seit dieser Zeit hat sich eigentlich für uns als behinderte Menschen gar nicht so viel verändert. Sicher, die Öffentlichkeit ist aufgeklärter über unsere Situation und sensibler gegenüber unseren Bedürfnissen geworden. Auch baulich hat sich einiges positiv verändert. Und wir haben endlich den berühmten Zusatz in Art. 3 Grundgesetz bekommen, daß Menschen mit Behinderungen nicht diskriminiert werden dürfen. Aber wir werden immer noch durch bauliche Barrieren, MobiIitätsprobleme oder visuelle und sprachliche Hindernisse abgehalten, oder es ist sehr schwer für uns, Jugendtreffs, Kommunikationszentren oder andere kulturelle Stätten aufzusuchen, um dort einfach auch andere Leute treffen zu können, wie es für alle Nichtbehinderten selbstverständlich ist. Vielen von uns fehlt es an Gelegenheiten, andere Menschen kennenzulernen. Auch heute noch gilt, daß viele behinderte Menschen in Sondereinrichtungen leben, leben müssen, dort ihre Schul- und Berufsausbildung erhalten und den aktiven Teil ihres Lebens in beschützenden Werkstätten verbringen. Dort leben sie in einer Art Ghetto, haben wenig Kontakt zur Außenwelt. Es gibt wenig oder gar keinen Raum zum Ausleben der eigenen Sexualität, keinen Raum für Erotik, geschweige denn Raum, um Kinder zu kriegen. Partnerschaften sind schwierig, gleichgeschlechtliche Beziehungen unmöglich. Wenn sich ErzieherInnen für uns den 'pädagogisch vertretbaren Geschlechtsverkehr' überlegen, kommen diese sich unheimlich freizügig vor und kämpfen z.T. auch gegen konservative Vorgesetzte oder Eltern erfolglos an. Wo aber bleiben wir in diesem Dschungel voller Hindernisse, Frustrationen, vereitelter Wünsche und Hoffnungen? Wir mit den Normen und der Ästhetik der Nichtbehinderten, die fest in unseren Köpfen stecken, wir müssen weiter daran arbeiten, ein anderes Image von uns zu schaffen, ein anderes Bild von Menschen mit Behinderungen. Und dieses andere Bild muß in die Öffentlichkeit getragen werden. Wir Frauen mit Behinderungen haben das Recht auf Sexualität. Wir haben das Recht, unsere eigene Sexualität selbst zu bestimmen. Wir haben das Recht, über unseren eigenen Körper und über unsere Fruchtbarkeit zu bestimmen. Niemand hat das Recht, behinderte Frauen ohne deren Einwilligung zu sterilisieren. Und außerdem haben wir das Recht Beziehungen selbst zu wählen. Wir sind Frauen, anders als die anderen. Wir haben individuelle Persönlichkeiten. Wenn wir uns als solche annehmen, uns unseres Wertes bewußt sind, dann haben wir Ausstrahlungskraft, erotische Ausstrahlungskraft. Und es ist ganz egal, ob wir einen Atemschlauch benutzen, so einen richtig schönen dicken, oder ob wir den Speichelfluß nicht gut beherrschen können, wir sind einfach verführerisch, in manchen Situationen oder wenn wir das wollen.
Wir brauchen ein Antidiskriminierungsgesetz, das die Rahmenbedingungen für unsere Selbstbestimmung und Selbständigkeit festschreibt. Und wir brauchen noch mehr selbstbewußte behinderte Frauen und Mütter als positive Rollenvorbilder. Wir brauchen gute Bedingungen, um unsere Sexualität leben zu können und um unsere Kinder großziehen zu können. Wir brauchen Beratungsstellen und Netzwerke für behinderte Frauen, damit wir uns nicht immer als Einzelkämpferinnen durchschlagen müssen. Wir haben schon eine eigene Kultur. Laßt sie uns nutzen und stärken. Laßt uns aktiv werden. Wir sind mutig, stark und schön.
