von Hildegard Schachtner
Vor achtzehn Jahren, am 5. Oktober 1990, gründete sich in Regensburg der Verein »Vorsicht Behinderung! e. V.« Sein Motto: »Wer sich nicht wehrt - der lebt verkehrt!«
Was war und ist nun das Besondere an dieser Vereinsgründung? Es ist ein Projekt von behinderten Menschen für behinderte Menschen. Eine weitere Besonderheit ist, dass alle Arbeitsstellen von behinderten Menschen besetzt werden sollten. Mit dem Angebot von ABM-Stellen konnte Phönix etlichen Behinderten Chancen für den Einstieg ins Berufsleben geben.
Anfang der 90er Jahre entstand bundesweit die Bewegung »Selbstbestimmtes Leben«. Auch in Regensburg waren die behinderten Menschen fest entschlossen, ihr Schicksal selbstbestimmt in die Hand zu nehmen und sich Kompetenz und Verantwortung nicht absprechen zu lassen. Sie wollten nicht länger in Heime abgeschoben werden, sondern in ihrer eigenen Wohnung leben. Aus diesem Beweggrund gründeten sie einen eigenen Verein. Die Arbeit des Vereins ruht auf zwei Säulen – Beratung und Hilfe. Die 1. Säule »Beratung« erfolgt nach dem Prinzip »Peer Counseling« (= Beratung auf gleicher Ebene), d. h. Betroffene beraten Betroffene. Dies bedeutet, die eigene Betroffenheit wird nicht als Schwäche empfunden, sondern als besondere Stärke und die eigenen Erfahrungen können in der Beratung eingesetzt werden. Ab dem 1. Mai '91 wurden im ersten Jahr bereits mehr als 40 Beratungsgespräche geführt. Im Jahr darauf fanden schon rund 300 Beratungen zu je durchschnittlich 30 Minuten statt. Nach zahlreichen Erweiterungen und Umzügen befindet sich das Büro von Phönix heute in der Roten-Löwen-Straße.
Behinderung bringt Einschränkungen der verschiedensten Art mit sich und dennoch kann der schwerbehinderte Mensch sein Leben in Selbstbestimmung und Selbstständigkeit führen. Möglich wird dies durch die tätige Hilfe von Assistenten. Die Assistenten ersetzen Hände und Beine - jedoch nicht den Kopf. Für die 2. Säule »Hilfe« gründete der Verein das Projekt Phönix, das vom Bundesamt für den Zivildienst als Zivildienststelle zugelassen und vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales als förderungsfähig nach den Richtlinien der Offenen Behindertenarbeit (OBA) anerkannt wurde. Der Name Phönix wurde in kurzer Zeit so bekannt, dass der ursprüngliche Name des Vereins (»Vorsicht Behinderung«) völlig verdrängt wurde.
Mit 5 fest angestellten Assistenten, 2 Zivildienstleistenden, vielen stundenweise beschäftigten Studentinnen und Studenten startete Phönix seinen mobilen Dienst. Mittlerweile stehen 61 Assistenten, 35 davon als 400 €-Kräfte, für 18 behinderte Klienten zur Verfügung. Einige Klienten benötigen ihre Assistenten 24 Stunden rund um die Uhr. Je nach Bedarf ist der Assistenzdienst in Schichten aufgesplittet, das gibt Flexibilität für beide Seiten. Der behinderte Klient teilt sich selbst ein, wann und wie lange er den jeweiligen Assistenten benötigt. Auch die Assistenten schätzen diese flexible Art der Planung, besonders wieder in den Beruf einsteigende Frauen mit Kindern. Die behinderten Klienten haben die Option, frei zu wählen, ob sie ausschließlich von weiblichen oder männlichen Assistenten unterstützt werden wollen.
Der Verein griff zudem immer wieder brisante Themen auf. Bei der ersten Aktion ging es um die Mobilität im ÖPNV. Phönix vertrat den Standpunkt: Busse muss es für alle geben! Rollstuhlfahrer sollten nicht länger ausgeschlossen sein. In immer mehr Städten gab es bereits Busse ohne unüberwindliche Stufen. Doch Regensburg zögerte immer noch, Niederflurbusse in den öffentlichen Nahverkehr einzuführen. Der RVB vertrat die Meinung, diese Technik wäre noch zu unausgereift und für die Regensburger Straßenverhältnisse ungeeignet. Was in anderen Städten sich bewährt hat, sollte in Regensburg nicht möglich sein? Und so entschloss sich Phönix, eine Probe aufs Exempel zu machen. Mit einem Informationsstand auf dem Bismarckplatz präsentierte der Verein einen Niederflurbus der Öffentlichkeit. Nach diesem Anstoß fuhr der RVB den Winter über Testfahrten. Bei der nächsten Bestellung '91 wurden 10 Niederflurbusse geordert.
Dies war nur eine von vielen Aktionen. Phönix packte immer wieder aktuelle Themen an und veranstaltete Vorträge und Podiumsdiskussionen. Und Phönix wird auch in Zukunft nicht müde werden, sich zu Wort zu melden und die Rechte der behinderten Menschen einzufordern!
Zeichen mit Leerzeichen im .doc-Format: 4350
| Anhang | Größe |
|---|---|
| Phönix wird volljährig.pdf | 11.17 KB |