Ein Beitrag von Mihai Lucas
Als ich zum ersten Mal von Klaus Herzogs Mobilitätskursen gehört habe, war ich erst seit zwei Jahren im Rollstuhl. Natürlich, als Anfänger kann man nicht viel ganz alleine machen. Man braucht immer Hilfe, auch bei Sachen, die jetzt für mich ganz einfach sind.
Dann habe ich Klaus kennen gelernt und gleich mit ihm einen Mobikurs in Regensburg gemacht.
Ich muss zugeben, es war nicht so einfach, zu sehen, wie andere Rollstuhlfahrer und sogar Kinder, die seit langem im Rollstuhl sitzen, so gut mit einem Rollstuhl fahren können. Ich habe mich dann ständig gefragt, was ich denn so falsch mache, dass ich nicht so einfach eine bestimmte Rampe fahren kann oder warum mein Rollstuhl so schwer zu fahren ist. Ein paar Tage später habe ich dann verstanden, dass das Problem nicht der Rollstuhl, sondern die Tatsache ist, dass ich die Technik, wie man Rollstuhl richtig fährt, nicht kannte. Dann kam das Thema Rollstuhlversorgung, was ich auch ganz interessant und wichtig fand. Am Ende der Woche habe ich verstanden, dass man das Leben, auch wenn man im Rollstuhl sitzt, genießen kann. Natürlich, das hat länger gedauert, aber das war nur der Anfang.
In der Zwischenzeit nahm ich an anderen Mobikursen und Familiensportkursen teil. Das hat viel Spaß gemacht und ich hatte viel zu lernen, so dass ich jetzt sagen kann, ich kann alles 100% alleine machen, so lange ich fit bin!
Es freut mich, dass Klaus sich Zeit für mich genommen hat, um meine Fragen zu beantworten, so dass andere Leute erfahren können, was die Leute, die in einem Rollstuhl sitzen, so umtreibt.
MIHAI: Wann hast du mit den Mobilitätskursen angefangen?
Klaus: Das war im Jahre 1988 - die SG BeNi hatte im Frühjahr eine Informationsveranstaltung im Donaueinkaufszentrum. Dort wurden wir von einem kleinen Mädchen angesprochen (Kirsten Althaus), das mit uns Sport im Rollstuhl machen wollte. Herbert Winterl hatte zu dieser Zeit eine Stelle bei der SG BeNi - er kannte aus seiner Zeit beim Leistungssport Dr. Horst Strohkendl, den fragte er, wo es denn Programme für Kinder mit Rollstuhl gäbe. Horst war damals Gründer und Initiator des Kinder- und Jugendsports in Deutschland und hatte zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Spina bifida ein paar Jahre zuvor begonnen, Rollstuhltrainings und Mobilitätstrainingskurse durchzuführen. Wir riefen bei der ASbH an und durften nach Westerstede fahren (Sommer 1988). Dort lernte ich nicht nur die Kurse, sondern auch meine jetzige Frau Ute und meine neue berufliche Tätigkeit kennen.
MIHAI: Kannst du dich erinnern, wo du deinen ersten Mobilitätskurs organisiert hast?
Klaus: Nach diesem ersten Kurs 1988 wuchs ich immer mehr in die Tätigkeit als Übungsleiter und Organisator hinein. Ich nahm an den Vorbereitungstreffen im Januar in Köln teil, ging noch einmal als Hospitant und später als Praktikant zu den Kursen. Nach meiner Übungsleiterausbildung fuhr ich als Übungsleiter zu den Kursen. Welchen Kurs ich nun letztendlich als ersten eigenverantwortlich organisierte, kann ich gar nicht mehr so genau sagen.
Mihai: Was für ein Gefühl hast du, wenn du glückliche Kinder beim Rollstuhlsport siehst?
Klaus: Na, das freut mich. Kinder im Rolli sind für mich erst mal Kinder. Und Kinder wollen spielen, rennen, toben, Freude an der Bewegung haben. Genau so wichtig ist es mir, dass die nichtbehinderten Geschwister und durchaus auch die Eltern, Therapeuten, Mediziner, und alle, die mit Kindern im Rollstuhl zu tun haben, einmal erleben, dass es durchaus Freude bereiten kann, sich im Rollstuhl zu bewegen. Es ist ungemein wichtig, dass die Kinder erfahren, dass sie so, wie sie sind, liebenswert und wertvoll sind - und nicht unvollkommen. Jede Therapie, die "nur" an den Defiziten ansetzt, wird aber dieses Gefühl der Unvollkommenheit und bei Kindern häufig auch das Gefühl, dass sie nicht liebenswert sind, wie sie sind, verstärken.
Unsere Aufgabe beim Sport ist es, die inneren Kräfte aller Betroffenen (Kinder wie Eltern) zu stärken!
Mihai: Würdest du gerne Teilnehmer vieler verschiedener Länder aus Europa haben? Ein Internationales Team sozusagen?
Klaus: Na klar. Alle spielen vereintes Europa, oder gar Global Players. Der Leistungssport veranstaltet Weltmeisterschaften und für paralympische Jugendlager reisen die Leute um die ganze Welt. Unsere Idee, dass alle Menschen - egal welche Fähigkeiten oder Unfähigkeiten sie mitbringen - wichtig und richtig sind, gilt es ebenfalls zu verbreiten. Ich möchte 100 Sieger und nicht nur einen und 99 Verlieren. Das Bild einer Inklusiven Gesellschaft kann sehr gut beim Sporttreiben vorgelebt werden. Hier auszubilden, ja gesellschaftspolitisch zu arbeiten, das ist mir besonders wichtig. In Ansätzen haben wir das mit unseren internationalen Kontakten nach der Schweiz, nach Österreich, Ungarn, Tschechien, Polen, Rumänien, Frankreich und Italien ja schon erreicht - ich war sogar schon einmal in USA und in Moskau, um da in unserer Weise Kontakte zu knüpfen, zu lernen und unsere Ideen weiter zu verbreiten.
Mihai: Was kann man machen, um ein Leben im Rollstuhl wirklich zu genießen?
Klaus: Das ist keine so einfache Frage, denn es bedarf vieler Faktoren. Jede/r hat ja auch unterschiedliche Startvoraussetzungen. Drei unserer Schlagworte sind: mobil - mit Rollstuhl, aktiv - durch Rollstuhlsport, selbstbesimmt - leben. Ein selbstbestimmtes Leben ohne das nötige Kleingeld ist aber auch nicht so leicht zu verwirklichen. Wer andauernd starke Schmerzen hat, kann sich auch nicht so leicht an den "schönen Dingen des Lebens" erfreuen. Mir hat es sicher geholfen, dass ich das Glück hatte, Eltern zu haben, die das Beste aus der Situation nach meinem Unfall machen wollten, die nach vorne geblickt haben und sich den Realitäten gestellt haben. Ich hatte das Glück, dass ich von mir aus mehr auf meine Fähigkeiten geguckt habe, als an den Unfähigkeiten und den verlorenen Möglichkeiten zu hängen und über dem Verlust zu verzweifeln. Dass da große Trauer, Wut und Verzweiflung waren, will ich gar nicht leugnen. Durch diese Blickweise bin ich viel, viel weiter gekommen als anfänglich gedacht - aber auch ganz woanders gelandet, als ich mir hätte träumen lassen. Wobei ich ehrlich zugebe, dass ich natürlich auch immer gehofft habe, dass der alte Zustand der Unversehrtheit irgendwann wieder kommt. Ich bin aber darin nicht verharrt, sondern bin meinen Weg "gegangen" im wahrsten Sinne des Wortes - und ich bin heute mobiler, aktiver und selbstbesimmter als manche meiner Bekannten, die laufen können. Und ich liebe das Leben und die schönen Dinge und genieße jeden Tag.
Mihai: Ich wünsche Klaus viel Gesundheit, so dass er so weiter machen kann.
Bei Interesse oder Fragen an Klaus Herzog stelle ich seine E-Mail Adresse zur Verfügung: klausd.herzog@gmx.de