Der Verein PHÖNIX e.V.

AssistenzGesellschaftPhönix

Behinderte Menschen in Regensburg – aktiv und selbstbestimmt seit 1990

Mit einem politischen Thema trat ein Regensburger Verein von und für Menschen mit Behinderungen 1990 an die Öffentlichkeit: „Bus für alle“ stand auf den Plakaten, mit denen Rollstuhlfahrer und andere behinderte Menschen damals noch unter dem Vereinsnamen „Vorsicht Behinderung! e.V.“ erstmals auf ein wichtiges Anliegen von Bürgern mit Mobilitätseinschränkungen in Regensburg aufmerksam machten. Sie wollten Bus fahren, wie andere auch, doch die Treppen am Einstieg der Linienbusse waren für sie unüberwindlich. Das Ergebnis ihrer damaligen Überzeugungsarbeit sieht man heute in Gestalt der gelben, mit Rampen ausgestatteten Niederflurbusse auf allen Linien durch Regensburg fahren, und mit ihnen zahlreiche Rollstuhlfahrer, die sich ganz selbstverständlich durch die Stadt bewegen. Ein großes Stück Normalität ist damit erreicht worden.

Mobil sein und den Alltag nach eigenen Wünschen gestalten

Zu einem selbstbestimmten Leben gehört gerade für Menschen mit hohem Hilfebedarf mehr als eine barrierefreie Umwelt. Sie brauchen jemanden, der alle alltäglichen Dinge für sie übernimmt, die sie aufgrund ihrer Behinderung nicht selbst tun können. Unter „Selbstbestimmung“ sind dabei so alltägliche Dinge zu verstehen wie: „Mit wem wohne ich zusammen?“, „Wann stehe ich heute auf?“, „Was ziehe ich an?“, „Was esse ich – und wann?“, „Was unternehme ich heute?“, „Wann gehe ich ins Bett?“. Wohl kaum ein nichtbehinderter Mensch würde sich seinen Tagesablauf vorschreiben lassen. Wer aber in einem Pflegeheim oder einer ähnlichen Einrichtung lebt, für den gibt es feste Regeln; dort sind die Antworten auf diese Fragen jeden Tag die gleichen. Freiheit und Spontaneität sind im Dienstplan nicht vorgesehen. Auch die meisten ambulanten Dienste können es sich in der knappen Zeit, die ihnen pro Patient zur Verfügung steht, nicht leisten, auf individuelle Wünsche einzugehen, geschweige denn, ihre Klienten zum Einkaufen oder gar ins Kino zu begleiten. Es fehlte also in Regensburg ein ambulanter Pflegedienst, der auch Menschen mit schweren Behinderungen ein Leben zu Hause nach eigenen Vorstellungen ermöglicht. Gemeinsam mit der Sportgemeinschaft Behinderte und Nichtbehinderte (SG BeNi) e.V. wurde deshalb das Projekt „PHÖNIX – Hilfe und Beratung für behinderte Menschen“ gegründet. Mit vereinten Kräften sowie mit Unterstützung der Stadt Regensburg und des Arbeitsamtes Regensburg gelang das bis dahin Unvorstellbare: Im Herbst 1991 nahmen eine Beratungsstelle und ein ambulanter Dienst für behinderte Menschen unter der Leitung zweier Rollstuhlfahrer, der beiden Vereinsgründer Armin Fillinger und Bernd Jacobus, den Betrieb auf.

Selbstbestimmt leben mit Assistenz

Inzwischen beschäftigt der Pflegedienst beinahe 100 Männer und Frauen, darunter zahlreiche Fachkräfte, die den Gedanken der Selbstbestimmung behinderter Menschen in ihrer täglichen Arbeit aus Überzeugung umsetzen und etwa 20 Menschen mit Behinderungen zu Hause versorgen. Sie ersetzen sozusagen den behinderten Klienten und Klientinnen Hände, Arme und Beine bei allem, was diese nicht selbst tun können. „Assistenten“ werden sie deshalb genannt, wohingegen der Begriff „Betreuer“ dem gesetzlichen Betreuer, früher als Vormund bezeichnet, vorbehalten bleiben sollte. Die behinderten Menschen selbst sind es, die als Mitglieder des Vereins die grundlegenden Entscheidungen über den Pflegedienst treffen. Sie schätzen ihr Leben mit Assistenz sehr. Sie halten es zwar nicht für selbstverständlich, sind aber der Meinung, dass sie auch damit „nur“ ein Stück Normalität für sich erreicht haben.

Selbstvertretung, Peer Counseling und Arbeitsplätze für behinderte Menschen

Der zweite Schwerpunkt des PHÖNIX-Projektes ist ein Beratungsangebot von behinderten Menschen für behinderte Menschen, finanziert aus den Einnahmen des ambulanten Dienstes, öffentlichen Zuschüssen, Mitgliedsbeiträgen, Bußgeldern und Spenden. Personen mit Behinderung und deren Angehörige können sich hier kostenlos Rat und Unterstützung in allen alltäglichen Fragen rund um die Behinderung holen. Die Berater und Beraterinnen wissen, wovon sie sprechen, denn sie leben selbst mit einer Behinderung. So ergibt sich ein Gespräch auf gleicher Ebene, in welchem der Berater oder die Beraterin eigene Erfahrungen einfließen lässt, ohne jedoch das eigene Lebensmodell dem Gegenüber als das einzig Wahre aufzudrängen. Dieses spezielle, aus den USA stammende Beratungskonzept heißt Peer Counseling, zusammengesetzt aus peer = gleich und counseling = Beratung.

Mit der Beratungsstelle erfüllt PHÖNIX zugleich ein weiteres wichtiges Ziel seiner Vereinsarbeit, nämlich sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu schaffen. So werden behinderte Menschen nicht zu Fürsorgeempfängern sondern zu Steuerzahlern. Sie leisten einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag und erlangen gleichzeitig eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. Derzeit arbeiten bei PHÖNIX fünf Menschen mit Behinderung, alle in Teilzeit, um eine größere Zahl von behinderten Menschen in Arbeit zu bringen. In und um Regensburg besteht ein erheblicher Beratungsbedarf. Wir könnten unser Beratungsteam durchaus noch vergrößern, doch aufgrund von Kürzungen öffentlicher Gelder sind unsere finanziellen Möglichkeiten begrenzt. Wir würden gerne die bisherige Beratung aufrechterhalten und sie zusätzlich um spezielle Angebote für Jugendliche mit Behinderung aber auch für ältere Menschen erweitern. Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung! Mit Ihrer Spende sorgen Sie dafür, dass niemand gegen seinen Willen in ein Heim ziehen muss, und dass junge und alte Menschen in Regensburg auch in Zukunft ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Kennzeichnend für die Arbeit von PHÖNIX – wie für die gesamte Selbstbestimmt-Leben-Bewegung – ist schließlich der Grundsatz der Selbstvertretung; das heißt, behinderte Menschen treten ausschließlich selbst für ihre Rechte ein. Das macht ihre Argumentation stets authentisch und verhindert, dass ihnen ihre ureigensten Anliegen von nichtbehinderten Menschen aus der Hand genommen werden. Deshalb besteht der Vorstand von PHÖNIX aus drei behinderten Personen, und nur Mitglieder mit einem Grad der Behinderung von mindestens 50% sind im Mitgliederrat und in der Mitgliedervollversammlung stimmberechtigt. Diese sind eingeladen, gemeinsam mit Gleichgesinnten ihre Sache selbst in die Hand zu nehmen. Nicht weniger freut sich PHÖNIX über Menschen ohne oder mit geringerer Behinderung, die die Vereinsziele unterstützen und Fördermitglieder werden möchten; neben ihrem Mitgliedsbeitrag sind auch ihr Elan und ihr Know-how herzlich willkommen.

Mit zunehmender Bekanntheit der Beratungsstelle und des ambulanten Dienstes wurde der Verein „Vorsicht Behinderung!“ in der Öffentlichkeit immer mehr mit dem PHÖNIX-Projekt identifiziert. Seit 1995 heißt der Verein daher nun auch offiziell PHÖNIX e.V.

Was bedeutet eigentlich PHÖNIX?

PHÖNIX (gr.-lat.) der; -(es), -e: sich im Feuer verjüngender Vogel der altägyptischen Sage, der in verschiedenen Versionen zum Symbol der ewigen Erneuerung und zum christlichen Sinnbild der Auferstehung wurde.

Angesichts der personellen Erneuerung, die der Verein im Jahr 2008 erlebt hat, passt der "Phönix aus der Asche" heute besser denn je zu uns.