Blick über den Tellerrand

Ein Bericht von Mihai Lucas über das Leben mit Behinderung in Rumänien

Als ich 18 Jahre alt war, und noch ganz gesund, habe ich überhaupt nicht daran gedacht, wie das Leben im Rollstuhl ist. Ich hatte damals alles, was ein 18-Jähriger sich vom Leben wünscht: Freunde, Freundin; erfolgreich in der Schule war ich auch. Kurzum: Ich hatte einfach Spaß am Leben.

Meine Situation änderte sich plötzlich: Nach zwei Jahren und ein paar Operationen sah ich mich in einem Rollstuhl sitzen. In meinem Heimatland, Rumänien, habe ich fast drei Jahre im Rollstuhl gelebt – lang genug, um zu verstehen, dass das Leben in einem Rollstuhl nicht so einfach ist, wie ich es mir vorgestellt hatte, als ich noch gesund war. Man sieht auf der Straße einen Rollstuhlfahrer, der fit und gut drauf ist, und der vielleicht auch ein bisschen freundlich lacht; und man denkt, alles sei ganz in Ordnung. Man weiß aber nie, welche Gedanken sich in seinem Kopf verstecken, und wie er über Leute, die gehen können, denkt.

Rumänien ist, wie viele andere osteuropäische Länder, immer noch ein Land, das versucht, sich in alle Richtungen zu entwickeln. Oft werden leider die Schwierigkeiten eines Lebens mit Behinderung einfach vergessen oder, noch schlimmer, unterschätzt. Die Regierung hat viele andere Probleme zu lösen, die scheinbar wichtiger sind als die alltäglichen Probleme eines Rollstuhlfahrers.

Was ich auch nicht in Ordnung finde, ist, dass die Leute, die für die Rollstuhlfahrer Entscheidungen treffen müssen, selber keine behinderten Menschen sind. Deshalb können sie sich nicht einmal annähernd vorstellen, wie ein Leben im Rollstuhl aussehen kann.

Ich kenne leider viele behinderte Leute, die kaum das Haus verlassen wollen. Sie sind einfach isoliert zu Hause – immer nur in der Familie, ohne Perspektive oder Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Das tut mir Leid: Jedes Mal, wenn ich nach Hause fahre, denke ich ständig daran. Dann merke ich, dass sich nicht viel geändert hat.

Aber was sich in eine positive Richtung geändert hat, sind die Leute, die immer netter und immer freundlicher zu den Rollstuhlfahrern geworden sind. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Denn je normaler die Leute denken, dass ein Rollstuhlfahrer ist, desto einfacher ist es für eine Person mit einer Behinderung, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Je schneller man sich in die Gesellschaft integriert hat, desto besser kann man das Leben im Rollstuhl genießen. Und so, wenn man genau hinsieht, hängt alles zusammen.

Ich bin ganz sicher, dass die Zeiten in Osteuropa sich ändern werden und die Lebensqualität steigen wird. Die Frage ist nur: Wie lange dauert das noch? Wie kann man diesen Prozess beschleunigen? Ich glaube, die einzigen, die diesen Prozess beschleunigen können, sind die Menschen mit Behinderung selber, wenn sie in allen Bereichen des Lebens aktiv werden oder bleiben, und wenn sie für ein besseres Leben kämpfen.