Erfolgsstory eines Vereins: "Phönix" streitet seit zehn Jahren für Menschen mit einem Handicap
VON UNSEREM MITARBEITER CLAUS GEIGER
REGENSBURG. "Jetzt muss was Neues her." Wenn Bernd Jacobus das sagt, stöhnt Armin Fillinger meistens: "Lass´ uns erst mal das Alte fertig machen". Jacobus, der studierte Sozialpädagoge, und Fillinger, der fertige Jurist, scheinen sich in den letzten zehn Jahren aber blendend ergänzt zu haben.
Am 5. Oktober 1990 war es, da gründeten sie "PHÖNIX", einen Verein zur Hilfe und Beratung behinderter Menschen. Eingängiges Motto: "Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt". Seitdem sind die Büros in der Roten-Löwen-Strasse eine vielbesuchte Anlaufstelle. Kompetent sind die beiden in Behindertenfragen allemal: Schließlich sitzen sie seit ihrer Kindheit selbst im Rollstuhl.
Fertig mit dem Studium, standen die Wahlregensburger zur selben Zeit vor der Hürde, die für viele Schwerbehinderte auch heute kaum zu überwinden ist: Eine Arbeit zu finden. "Wenn Du überhaupt was kriegst, dann meistens irgendwo im stillen Kämmerlein." Dort wollten sie nicht hin. Statt dessen nahmen sie die Sache selbst in die Hand. Die Idee: Behinderte helfen Behinderten, ihr Leben selbst zu gestalten.
Ihre Zielgruppe war und ist groß. Rund 1000 Rollstuhlfahrer gibt es offiziell in Regensburg, 14% der Bürger besitzen einen Behindertenausweis - die höchste Quote in Bayern. "Viele sagen bei den Zahlen natürlich immer: ´Wir sehen die aber gar nicht auf der Strasse.´"
Dass sich das ändert, eben daran hat Phönix in den letzten zehn Jahren gearbeitet. Mit dem "Ambulanten Pflegedienst" etwa. 20 Festangestellte und über 60 Teilzeitkräfte helfen über 20 Schwerbehinderten, den "Kunden" von Phönix. Die erhalten vor allem Hilfe im Alltag, von drei Stunden Kochen und Putzen bis zur Rund-um-die-Uhr-Assistenz inklusive Pflege. Für viele ist es so wieder möglich, am Alltag der nichtbehinderten Menschen teilzunehmen. "Alternativen zu dieser Assistenz gibt´s natürlich immer", sagt Armin Fillinger. "Natürlich kann man auch ins Heim gehen. Da kommst du dann halt kaum raus und um sechs Uhr Abend geht´s ins Bett, auch bei schönstem Wetter."
Die Idee, dass Behinderte selbst über ihr Leben bestimmen, stammt aus den USA. Dort entstanden schon in den siebziger Jahren die sogenannten "Centers of Independent Living." Hierzulande scheiterten bis Anfang der Neunziger die Versuche, ein solches System zu etablieren. "Da haben sich immer Nichtbehinderte mit Behinderten gestritten", erklärt Fillinger die Pleiten von damals.
Die Folge: Organisationen von Behinderten für Behinderte. Um das Jahr 1990 gründeten sich die ersten. In vielen deutschen Städten schossen neue Vereine unabhängig voneinander aus dem Boden, meist unter diem Namen "Zentrum für selbstbestimmtes Leben". Den Regensburgern war der Name zu langweilig. Sie nannten sich nach dem Vogel aus der ägyptischen Mythologie. "Weil wir ohne Geld wie PHÖNIX aus der Asche entstanden sind", lacht Jacobus.
Mit einem Knaller sammelten Fillinger und Jacobus die ersten Spenden, um das Projekt anzuwerfen: 1990 wollte die RVB zwölf neue Busse anschaffen - für Rollstuhlfahrer unzugänglich, wie bis dahin üblich. "Bus für alle" nannten Fillinger und Jacobus ihren Aktionstag, und ließen Regensburger Bürger in zwei rollstuhlgerechten Niederflurbussen Probe fahren - auch die skeptischen Stadträte. Die mussten dann zugeben, dass die neue Niederflurtechnik problemlos einsatzfähig ist, sogar den Keilberg hinauf. Ein zentrales Argument der Gegner vorher: Die Busse - die damals schon im schweizerischen Davos fuhren - kämen steile Anstiege nicht hinauf. Die RVB kaufte schließlich die behindertengerechten Fahrzeuge. Ende des Jahres wird der letzte Regensburger Bus mit hohem Einstieg aus dem Verkehr gezogen. Für Fillinger und Jacobus schließt sich so bei der 10-Jahr-Feier am 5. Oktober der Kreis.Bei PHÖNIX organisieren die beiden aber nicht nur die ambulante Pflege. Den größten Teil der Zeit nimmt die zweite wichtige Säule ein: Die Beratung. Zusammen mit inzwischen drei Mitarbeitern, ebenfalls schwerbehindert, geben sie Hilfesuchenden Rat aus erster Hand.
Und die Zukunft? Vor allem eine Frage des Geldes. "Wir sind auf Spenden und Mittel aus öffentlichen Töpfen angewiesen", sagt Fillinger. Neue Projekte sind ein Ostbayern-Reiseführer für Behinderte oder eine Online-Beratung. "Die Mitleidsmaschine werden wir sicher nicht anwerfen." In den wichtigen Zielen sind die Beiden sich einig. Auch wenn Fillinger seinen Kollegen Jacobus - "da bin ich manchmal zu abenteuerlustig" - wohl noch öfter bremsen werden muss.
Mittelbayerische Zeitung, 03.10.00