"Behindert ist man nicht - behindert wird man"

Schule

Am Protesttag zur Gleichstellung behinderter Menschen sensibilisierten Experten für die vielen Barrieren im Alltag
VON UNSERER MITARBEITERIN KATHARINA BRUNNER

REGENSBURG. Offiziell gibt es seit 1994 in Deutschland keine Behinderten mehr. Denn seitdem ist in Artikel 3 des Grundgesetztes verankert, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf. Im wahren Leben ist die Situation weniger rosig, wie Experten verschiedener Organisationen gestern beim Protesttag zur "Gleichstellung behinderter Menschen" deutlich machten.

"Behindert ist man nicht, sondern man wird es", sagt zumindest Rollstuhlfahrer Armin Fillinger beim Informationsstand in der Fußgängerzone. "Wenn man vor einer Treppe steht und nicht hinaufkommt, dann ist nicht die Behinderung der Grund für diese Unfähigkeit, sondern die Treppe, denn wäre sie nicht da, könnte ich unbehindert weiterfahren." Auch die Bezeichnung "Behinderter" sei eine Diffamierung, denn in erster Linie handle es sich dabei um Menschen.

Mit der "Aktion Grundgesetz" sollte auf die bestehenden Mißstände aufmerksam gemacht werden. Integration und Gleichstellung sind nämlich noch lange keine Selbstverständlichkeit. So gibt es in Regensburg nur einen integrativen Kindergarten, in dem behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammen betreut werden. Für ältere Kinder und Jugendliche fehlen Möglichkeiten für eine gemeinsame Erziehung. Im Pater-Rupert-Mayer-Zentrum und in der Bischof-Wittmann-Schule werden ausschließlich lern-, geistig- und körperbehinderte Kinder unterrichtet. Psychologin Gesine Fritsch meint dazu: "Kinder lernen, indem sie von anderen abschauen. In Regelklassen hätten behinderte Kinder viel bessere Möglichkeiten, das Sozialverhalten zu lernen um später einen Beruf auszuüben und ein selbstbestimmtes Leben zu führen." Doch selbst wenn die Ausbildung hochqualifiziert ist, gibt es oft keine Arbeit - aufgrund der Behinderung. "Wir haben nie eine Chance, einen normalen Arbeitsplatz zu kriegen", so Gesine Fritsch die beim Selbsthilfeverein Phönix arbeitet.

Auch Christina Baier fürchtet um ihren Arbeitsplatz. Zur Zeit ist sie noch bei der "Lebenshilfe" in Lappersdorf beschäftigt und fertigt Zubehör für BMW. Doch BMW hat große Teile der Produktion nach Tschechien verlegt. Jetzt gibt es keine Arbeit mehr in Lappersdorf. "Ich finde es toll, dass es einen Protesttag gibt. Ich will meinen Arbeitsplatz nicht verlieren." Mit den 300 Mark Lohn sei es sowieso schon schwierig, ein selbständiges Leben zu finanzieren. Also: "Bitte freimachen von Vorurteilen gegenüber behinderten Menschen" (Werbeslogan der Aktion Grundgesetz). Denn niemand dürfe wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Mittelbayerische Zeitung, 06.05.98