20 Jahre Phönix

Phönix

Beitrag von Ulrike Scharlach und Ursula Obermayr

Am 05.10.1990 gründeten behinderte Regensburger den Verein „Vorsicht Behinderung! e. V.“ Ihr Motto war: „Behindert ist man nicht, behindert wird man“.

Die VereinsgründerInnen kämpften damals an vielen Fronten: Die Suche nach einem barrierefreien Versammlungsraum war ebenso schwierig wie die Modifizierung von Prüfungsverfahren an der Universität. Auf Druck der Betroffenen wurde ein Behindertenbeauftragter an der Universität ernannt.

Im Behindertenausschuss der Stadt Regensburg saßen ausschließlich nichtbehinderte Vertreter verschiedener Organisationen, um die Interessen behinderter Menschen zu vertreten! Deshalb war es von grundsätzlicher Bedeutung, dass bei „Vorsicht Behinderung!“ Nichtbehinderte kein Stimmrecht hatten. Der Verein trug die Idee in die Öffentlichkeit, dass behinderte Menschen für sich selbst sprechen und handeln. Diesem Grundsatz der Selbstvertretung sind bis heute alle Vereine verpflichtet, die – wie unserer – dem Dachverband Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben Deutschland e.V. angehören.

Die erste Kampagne führte „Vorsicht Behinderung!“ gegen die „Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS)“. Wir protestierten bei mehreren Versammlungen gegen deren Anschauungen und Ziele und konnten dadurch verhindern, dass in Regensburg ein Zusammenschluss der DGHS für Ostbayern gegründet wurde.

1991 nahmen zuerst die Beratungsstelle für behinderte Menschen und später auch der ambulante Dienst ihren Betrieb auf – beide gemäß den Grundsätzen eines selbstbestimmten Lebens unter der Leitung von zwei behinderten Menschen, Armin Fillinger und Bernd Jacobus, die zusammen mit Hildegard Schachtner auch zu den ersten KlientInnen des Dienstes gehörten. So wurden die ersten Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen beim Verein geschaffen. Ein Pflegedienst, in dem die pflegebedürftigen Menschen das Sagen hatten, war ein absolutes Novum.

Über die flächendeckende Einführung von Niederflurbussen verhandelte „Vorsicht Behinderung!“ über zwei Jahre lang mit dem RVV, aber das Gegenargumenthieß, steile Bergstrecken könnten mit vollbesetzten Bussen nicht befahren werden. Als 1991 auf dem Haidplatz zwei verschiedene barrierefreie Bus-Modelle vorgestellt wurden, brachten drei E-Rolli-Fahrer eine Busladung voller Menschen dazu, spontan eine Probefahrt mitzumachen. Sie verlangten vom Busfahrer, nun genau jene beiden steilen Berge anzufahren, was dieser schließlich tat. Der Beweis, dass alle Gebiete im Regensburger Busnetz befahren werden konnten, wurde also erbracht. Ende 1991 bis Februar 1992 nahmen die ersten beiden Hauptlinien den Betrieb mit Niederflurbussen auf. Eine flächendeckende Versorgung des Innenstadtbereiches war allerdings erst 1997 erreicht.

1992 kam es bundesweit in hundert verschiedenen Städten zu koordinierten Protesten für die Aufnahme eines Gleichheitsrechtes zugunsten behinderter Menschen ins Grundgesetz. In Regensburg war „Vorsicht Behinderung!“ natürlich mit von der Partie. Am 5. Mai 1993 wurde der Satz „Niemand darf wegen einer Behinderung benachteiligt werden.“ in Art. 3 des Grundgesetzes verankert. Es war die Zeit, in der ein Amtsgericht in Flensburg Urlaubern ein Schmerzensgeld zusprach, weil sie im Speisesaal den Anblick behinderter Menschen ertragen mussten.

Ab 1.1.1995 übernahm der Verein den Namen des Projektes, das er ursprünglich zusammen mit derSG BeNi ins Leben gerufen hatte. Aus „Vorsicht Behinderung!“ e.V.wurde PHÖNIX e.V. Zum selben Zeitpunkt wurde die gesetzliche Pflegeversicherung eingeführt. Diese stellte an den ambulanten Dienst eine Reihe von neuen Anforderungen; insbesondere die Dokumentationspflichten führten zur heißen Diskussionen im Verein, weil sie den Grundsätzen des selbstbestimmten Lebens widersprechen. Aber den Pflegedienst deswegen aufgeben wollte auch niemand. Nach und nach wurden deshalb die ungeliebten Neuerungen eingeführt. Die Mühe hat sich gelohnt, denn der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) bemängelte seitdem gelegentlich die Dokumentation, bescheinigte aber stets eine einwandfreie Qualität der Pflege. Eine steigende Zahl von KlientInnen beweist, dass immer mehr Menschen mit Behinderungen die Vorteile eines Lebens mit persönlicher Assistenz schätzen.

Im Rahmen der Aktionen zum 5. Mai, dem europäischen Protesttag für die Rechte der Menschen mit Behinderungen, rückten 1997 die Kindergärten und Schulen in den Mittelpunkt. Bei PHÖNIX ging es auch um Familie, für Menschen mit Behinderungen bis dahin ein regelrechtes Tabuthema. Schwangerschaft und Mutterschaft behinderter Frauen riefen im nichtbehinderten Umfeld ungläubiges Staunen, wenn nicht gar Entsetzen hervor. Es ist das Verdienst einer Gesprächsgruppe behinderter Frauen und Mütter von PHÖNIX, für diese wichtigen Themen ein Sprachrohr in Regensburg und Umgebung geschaffen zu haben. Heute leben Menschen mit Behinderungen wesentlich selbstbewusster in Partnerschaften. Danke an alle, die in diesem Bereich Pionierarbeit geleistet haben!

Im Jahr 2000, zum zehnjährigen Vereinsjubiläum, erschien das jährliche Infoheft erstmals zweifarbig, PHÖNIX e.V. bekam eine eigene Homepage, und im Leeren Beutel wurde gefeiert. Unter den Gratulanten waren auch Regensburger PolitikerInnen, die den Verein seit seiner Gründung unterstützt hatten.

Es folgten einige Jahre der Konsolidierung: Der ambulante Dienst von PHÖNIX musste sich weiterhin mit den stetig wachsenden Anforderungen der Pflegeversicherung herumschlagen, war aber aus der Versorgung von pflegebedürftigen Menschen in Regensburg nicht mehr wegzudenken.

Gleichzeitig war der Verein ein mittelständischer Arbeitgeber geworden. Auf politischer Ebene unterstützte PHÖNIXjedes Jahr am 5. Mai mit lokalen Aktionen wichtige bundespolitische Anliegen, wie das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG).

Für die Mitglieder gab es Schnupperkurse und Fortbildungen zum Thema Peer Counseling. Daneben wurden auch Freizeitaktionen angeboten, wie zum Beispiel ein Spieleabend, ein Kurs in Entspannungstechniken, ein Seidenmalkurs oder eine kleine Kunst-Gruppe.

Einen tiefen Einschnitt für den Verein bildete der unerwartete und viel zu frühe Tod von Armin Fillinger im Januar 2007. Fast ein Jahr lang blieb sein Vorstandsposten unbesetzt. Erst im Dezember 2007 war der Schock so weit verdaut, dass ein neues Dreierteam zum Vorstand gewählt werden konnte. Diese Neuwahl leitete einen kompletten Generationswechsel in der Führungsebene von PHÖNIX ein. Ende 2008 verließ Gründungsmitglied und langjähriger Geschäftsführer Bernd Jacobus den Verein.

Die erste Amtszeit des neuen Vorstandes stand ganz im Zeichen der finanziellen, personellen und organisatorischen Neuordnung des Vereins.

Im Jahr 2009 wurde ein Förderverein für PHÖNIX gegründet, der auch nichtbehinderten Menschen die Möglichkeit bietet, aktiv die Ziele eines selbstbestimmten Lebens zu unterstützen. Die Teilnahme am Regensburger Bürgerfest 2009 bildete für beide Vereine die ideale Gelegenheit, sich gemeinsam mit der Sportgemeinschaft Behinderte und Nichtbehinderte (SG BeNi) ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.

Im selben Jahr schloss die erste Auszubildende erfolgreich ihre Lehre zur Bürokauffrau bei Phönix ab; das Praxisteam begann mit seiner ehrenamtlichen Tätigkeit.

Eine neue Kollegin verstärkte das Beratungsteam und widmete sich dem Projekt Perspektivwechsel, mit dem Kindern und Jugendlichen das Thema Behinderung näher gebracht werden soll.

Und nicht zu vergessen: Eine Rollstuhlfahrerin schaffte mit der Unterstützung von PHÖNIX e.V. den Auszug aus dem Pflegeheim.

Neben unserem zentralen Thema der persönlichen Assistenz werden uns ganz bestimmt auch in den nächsten 20 Jahren die Ideen nicht ausgehen, wie wir die Anliegen von behinderten Menschen, die selbstbestimmt leben möchten, in der Öffentlichkeit vertreten.

Herzlichen Dank an Hildegard Schachtner für ihre Aufzeichnungen!