10 Jahre PHÖNIX - ein Rückblick

Phönix

Bild: Jubiläumsplakat 10 Jahre Phönix

Kaum zu glauben, aber es steht schwarz auf weiß: Ende 2000 dürfen wir uns den Milenniumsfeierlichkeiten mit einem eigenen Jubiläum anschließen. PHÖNIX wird 10 Jahre alt und kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Grund genug, ein paar wichtige Stationen unserer Geschichte Revue passieren zu lassen.

Vorsicht Behinderung!

Als unser Verein erstmals im Sommer 1990 auf sich aufmerksam machte, tat er dies noch unter seinem ursprünglichen Namen "Vorsicht Behinderung! e.V.". Bereits der Name sorgte für Aufsehen. Was wollen die denn? Was ist denn das für ein komischer Name? Ich will mich an dieser Stelle gar nicht mehr darüber auslassen, was sich die Schöpfer des Namens da alles dachten. Wichtig für uns war, daß der Name viele zum Nachdenken brachte. Die Ergebnisse des Nachdenkens waren unterschiedlich (wie übrigens bereits unter den Vereinsmitgliedern), aber eine Folge blieb nicht aus: man hat sich den Namen gemerkt.

Bus für alle! [ Bild 1 ] - [ Bild 2 ]

Selbstbestimmt Leben - auch mit einer schweren Behinderung - war und ist auch heute noch unser Ziel. Für uns bedeutet das nicht, leidlich versorgt auf einer Insel für Behinderte zu leben. Wir wollen dazugehören und teilhaben am Leben der Nichtbehinderten. Wir wollen Geschäfte aufsuchen können, das Kino unserer Wahl besuchen und uns mit unseren Freunden in deren Kneipe treffen. Wir wollen mobil sein und durch die Stadt fahren können, ohne Angst haben zu müssen, uns in die Hose zu machen, weil wir nicht rechtzeitig nach Hause kommen. Um dieses "normale" Leben führen zu können, muß vieles getan werden und einiges wurde auch getan. So haben wir immer wieder einen öffentlichen Personen-Nahverkehr gefordert, der von allen, auch von Menschen mit Behinderungen, genutzt werden kann. Leider gibt es bei uns kein Gesetz wie in Amerika, das vorschreibt, daß alle öffentlichen Gebäude und Verkehrsmittel auch behinderten Menschen zugänglich sein müssen. So mußten wir viel Überzeugungsarbeit leisten, als wir Niederflurbusse für Regensburg forderten. Doch schließlich haben wir es geschafft. Viele Menschen mit Behinderung können jetzt die Busse nutzen und sind nicht mehr ausschließlich auf den Sonderfahrdienst für Behinderte angewiesen. Es wurde ein Stück Normalität geschaffen, die leider noch nicht überall vorherrscht.

Aktion Grundgesetz [ Bild 3 ] - [ Bild 4 ]

Und weil das so ist, fordern wir nach wie vor ein Anti-Diskriminierungsgesetz, das die Gesellschaft verpflichtet, Menschen mit Behinderungen in das öffentliche Leben zu integrieren. Den Weg hierzu sollte die Änderung des Grundgesetzes, die wegen des Falls der Mauer ohnehin fällig war, ebnen. Auch diese Hürde konnte nach zähem Ringen genommen werden. Noch nie hatten sich so viele behinderte Menschen persönlich für ihre Sache eingesetzt und eine solche Öffentlichkeit erreicht. Auch in Regensburg haben sich hunderte auf dem Haidplatz versammelt, um für die Gleichstellung behinderter Menschen zu demonstrieren. Am Ziel sind wir noch lange nicht, denn von aktivem Diskriminierungsschutz kann längst nicht die Rede sein. Noch immer werden wir damit hingehalten, auf den guten Willen unserer Mitmenschen zu vertrauen. Aber wieviel Stufen vor Läden oder Gasthäusern sind denn dadurch verschwunden oder welches Lokal hat denn in den letzten Jahren eine Toilette eingebaut, die auch ein Rollstuhlfahrer benutzen kann?

Pflegehilfe statt Sterbehilfe [ Bild 5 ]

Schlimm wird es gar, wenn man auf die Entwicklung im Bereich der Pflege (und Hilfe) behinderter und alter Menschen blickt. Die Änderung des Grundgesetzes konnte weder die Einführung des Pflegeversicherungsgesetzes noch die Verschärfung des § 3a Bundessozialhilfegesetz verhindern. Selten haben es behinderte und pflegebedürftige Menschen in letzter Zeit so zu spüren bekommen, was es bedeutet, wenn existentielle Hilfen zum menschenwürdigen Leben unter Finanzierungsvorbehalt gestellt werden. Gelegentlich mußte man den Eindruck gewinnen, 'humanes Sterben', worunter manche wohl nur möglichst schnelles Sterben verstehen, sei wichtiger, als menschenwürdiges Leben. Von Beginn an war es uns daher ein Anliegen, auch schwerstbehinderten Menschen ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Unser ambulanter Dienst, der bereits im Herbst 1991 ins Leben gerufen wurde, leistet hierzu einen direkten Beitrag (siehe eigener Artikel).

Das Projekt PHÖNIX [ Bild 6 ]

Aus unseren persönlichen Erfahrungen heraus und der Resonanz anläßlich unserer Öffentlichkeitsarbeit entwickelte sich rasch der Wunsch, behinderten Menschen ein dauerhaftes Angebot zu machen, sie bei der Führung eines selbstbestimmten Lebens zu unterstützen. Beratung und bedürfnisorientierte Hilfe haben sich dabei als Kernbereiche herausgebildet. Eine kostenlose Beratungsstelle (siehe eigener Bericht) zu unterhalten, hat sich dabei als besonders problematisch herausgestellt. Wir fanden in der Sportgemeinschaft Behinderter und Nichtbehinderter (SG BeNi e.V.) einen Partner, der mit uns zusammen das Projekt 'PHÖNIX - Beratung und Hilfen für behinderte Menschen' startete. Mit Hilfe des Arbeitsamtes, das zwei Arbeitsbeschaffungs- maßnahmen finanzierte, gelang es uns, die Stadt und den Landkreis Regensburg sowie das Bayerische Staatsministerium von der Förderwürdigkeit unseres Projekts zu überzeugen. Durch deren Zuschüsse konnten wir unsere hauptamtliche Beratungsstelle starten. Der ambulante Dienst wurde aufgebaut, weil zum einen einige behinderte Menschen keinen Dienst fanden, der ihre aufwendige Hilfe sicherstellen wollte und es zum anderen zu unserer Vorstellung von selbstbestimmtem Leben gehört, daß behinderte Menschen mehr Mitsprache- und Mitwirkungsrecht gegenüber den Leistungsanbietern haben. Die meisten unserer Kunden sind daher auch Mitglied unseres Vereins. Unser ambulanter Pflegedienst ist inzwischen zu einem beachtlichen Unternehmen herangewachsen. Über 20 Assistenten und Assistentinnen - so heißen bei uns die Pflegekräfte - leisten Ihre Arbeit bei vorwiegend sehr schwer behinderten Menschen und werden dabei von einer Vielzahl von Hilfskräften und einigen Zivildienstleistenden unterstützt.

Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung & Peer Counseling

Eine Besonderheit bei uns ist auch die Tatsache, das die Beratung sowie die Leitung des Vereins bzw. die Geschäftsführung in den Händen behinderter Menschen liegt. Für die Beratung ergibt sich diese Notwendigkeit schon aus der von uns gewählten Beratungsform, dem 'Peer Counseling' Dieser aus den USA übernommene Begriff bedeutet, daß auch der Berater (Counselor) selbst behindert ist und dem Kunden auf gleicher Ebene (Peer) gegenübersitzt. Die Tatsache, daß Berater und Ratsuchender sich in ihrem persönlich Erleben und ihrer persönlichen Erfahrung möglichst ähnlich sind, wirkt sich meist positiv auf das Gespräch aus, denn Beratung in unserem Sinne meint nicht nur das Erteilen von Auskünften. Hier soll man auch mal sein Herz ausschütten können und jemanden finden, der einen "versteht", weil er/sie schon ähnliches erlebt hat.

Derzeit bietet PHÖNIX vier schwerbehinderten Menschen Arbeit, drei davon sind ganz oder teilweise in der Beratung tätig. Wir können uns schon vorstellen, in Zukunft weitere Arbeitsplätze für behinderte Menschen zu schaffen. Da der Geldhahn jedoch jedes Jahr etwas mehr zugedreht wird, wird es immer schwerer, neue Ideen zu verwirklichen. Wir sind stärker denn je auf die Unterstützung durch jeden einzelnen angewiesen. Deshalb hoffen wir sehr, daß dieses Heft einige Menschen neugierig macht und die eine oder andere Spende auf unserem Konto landet. Wir wollen weiter alle Menschen mit Behinderung in Stadt und Landkreis Regensburg, ihre Verwandten und Freunde, kostenlos beraten können.

Und was ist aus Vorsicht Behinderung! geworden?

All unsere Kraft haben wir unserem Projekt PHÖNIX gewidmet und die Arbeit in der Beratung und Leitung des ambulanten Dienstes ist so umfangreich, daß anderes (leider) zu kurz kam. Das Projekt PHÖNIX wurde das Herzstück des Vereins Vorsicht Behinderung! und steht seit Jahren auf sicheren Füßen. Die SG BeNi hat sich deshalb aus dem Projekt zurückgezogen und verfolgt neue Pläne. Wir sind ihr weiter in Freundschaft verbunden. Vorsicht Behinderung! und PHÖNIX sind gewissermaßen Eins geworden und dem wollten wir mit der neuen Namensgebung Rechnung tragen.

PHÖNIX - Gemeinsam sind wir stark

Trotz aller Eigenständigkeit setzen wir weiter auf Zusammenarbeit, zum Beispiel mit dem Zentrum für Selbstbestimmtes Leben in Regensburg, mit dem wir vor allem in Fragen der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in Deutschland eng zusammenarbeiten. Wir sind auch seit vielen Jahren Mitglied im Arbeitsausschuß des Behindertenbeirats der Stadt Regensburg und bieten dort unsere Hilfe an. Unsere Arbeit wird auch mit anderen ambulanten Dienstleistern, vorwiegend den familienentlastenden Diensten der CARITAS und der Lebenshilfe sowie der Arbeit der Kontaktgruppe Behinderter und Nichtbehinderter e.V. (KBN) abgestimmt. Damit uns bei alledem nicht die Luft ausgeht, hoffen wir auf das Interesse vieler behinderter Menschen. Wer mehr über uns wissen will, kann jederzeit einen Termin mit uns vereinbaren oder einfach mal bei unserem monatlichen Mitgliederabend vorbeischauen (immer der erste Donnerstag im Monat). Dort sind auch weitere Einzelheiten zu ergänzenden Angeboten wie Spieleabend, Seidenmalkurs und anderes zu erfahren.

[ Bild 7 ]

Wir wollen nicht versäumen an dieser Stelle auch nochmals unseren Förderern dafür zu danken, daß sie uns in den letzten 10 Jahren die Treue gehalten haben. An erster Stelle möchten wir hier die Sparkasse Regensburg nennen, die uns 1990 zu unserem 'Startkapital' verhalf und uns auch in den Folgejahren immer wieder finanziell unterstützte. Desweiteren gilt unser Dank der Stadt und dem Landkreis Regensburg sowie dem Arbeitsamt Regensburg, ohne deren Hilfe wir die Beratungsstelle nicht in dieser Form führen könnten. Wir bedanken uns auch bei allen Inserenten in unserem Heft, die den Druck der Broschüre erst ermöglichten. Mehr hierzu auf unserer Sponsoren-Seite.

Armin Fillinger
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